Freihandgrenze - Verwacklungsgrenze
Ab welcher Belichtunsgzeit wird ein Bild nicht mehr verwackelt?

Leider hält sich noch immer hartnäckig die alte Formel, nach der man auf der sicheren Seite wäre, wenn man den Kehrwert der Brennweite (bezogen aufs Kleinbildformat) nutzen würde. Also beispielsweise bei 100 mm Brennweite eine Verschlußzeit von 1/100 Sekunde (eine Hundertstelsekunde) oder kürzer verwenden sollte.
Diese Formel war bereits zu der Zeit, als noch Filmmaterial in Kameras belichtet wurde, nur eine lausige Hilfestellung für absolute Anfänger ohne Erfahrungen, und taugt bei Verwendung heutiger Digitalkameras noch weniger.
Ab wann wird eine Verwacklung sichtbar und als störend empfunden?
Das hängt von mehreren Einzelfaktoren ab:
- Verwacklungsausmaß
- individuelles Empfinden der einzelnen Betrachter (Anspruchshaltung und Sehvermögen)
- Wiedergabegröße/Skalierung (2 cm * 3 cm, 20 cm * 30 cm, 50 cm * 75 cm, 10 m * 15 m)
- Wiedergabeart (Projektion, Bildschirm, Papiersorten)
- Motiv (wie klein und filigran sind einzelne Bildteile und wie aufmerksam werden diese betrachtet)
- Betrachtungsabstand (15 cm, 60 cm, 1,5 m, 20 m)
Angenommen man hat eine Aufnahme mit 12 MP (12 Millionen Bildpunkte), die nur leicht verwackelt wurde. Wenn dieses Bild auf 4 Millionen Bildpunkte verkleinert und auf Fotopapier mit 10 cm * 15 cm Seitenlänge ausbelichtet oder gedruckt wird, bleibt von den Unschärfen nicht mehr viel erkennbar. Die Reduzierung der Auflösung ist dabei unumgänglich, weil auf Fotopapier keine höhere Auflösung darstellbar ist. Mit voller Auflösung auf 50 cm * 75 cm ausbelichtet und aus 3 Meter Entfernung betrachtet, wird man auch nicht mehr viel von der Verwacklung erkennen. Sieht man sich dieses Poster aber aus einer Entfernung von 30 cm genauer an, ist die Verwacklung deutlich sichtbar.
Der Einfluß von Brennweite und Sensorgröße auf die Verwacklungsstärke
Mit zunehmender Brennweite verkleinert sich der vom Bildsensor erfaßte
Bildwinkel (Ausschnitt) des Motivs, was dazu führt, daß durch einen Schwenk der Kamera, ein zunehmend größerer Anteil des Bildes ersetzt wird und das Bild stärker verwackelt.
Die Größe des Bildsensors hat im Prinzip keinen Einfluß, weil durch die Verwendung einer entsprechend kürzeren Brennweite der gleiche Bildwinkel (Ausschnitt) aufgenommen wird. Das setzt somit voraus, daß man sich gedanklich vom Brennweitenwert befreit und statt dessen den Bildwinkel betrachtet. Alternativ müßte man sich vorstellen, daß die kürzere Brennweite um den Crop-Faktor verlängert wird, auch wenn das Unsinn ist.
Der Einfluß der Bildsensorauflösung
Die Bildauflösung hat zwar keinen Einfluß auf den Grad der Verwacklung, aber wenn sich mehr Fotodioden nebeneinander auf der gleichen Sensorfläche befinden, werden durch einen Schwenk auch mehr nebeneinander liegende Bildpunkte beeinflußt. Die Verwacklung wird dadurch auf der Pixelebene schneller sichtbar, weil nicht nur das Bild, sondern auch die Verwacklung feiner aufgelöst wird.
Weil die Auflösung (Megapixel) selbst bei gleicher Sensorgröße (Fläche) von Modell zu Modell sehr unterschiedlich ausfällt, kann man mit dem Crop-Faktor in einer fiktive Rechnung nichts anfangen. Man müßte statt dessen den Abstand der einzelnen Fotodioden zueinander berücksichtigen.
Der Faktor Mensch
Jeder Mensch hält andere Werte verwacklungsfrei, weil er ruhigere oder unruhigere Hände als der Nächste hat. Auch ist es eine Frage der Tagesform, der Umweltbedingungen (Wärme/Kälte, Wind etc.), der Körperhaltung, der eingesetzten Technik, weil auch das Gewicht von Kamera und Objektiv sowie ggf. Blitz durchs Eigengewicht unterschiedlich stark stabilisierend bzw. destabilisierend wirken. Und auch die Haptik, also die Griffigkeit und Größe der Technik spielt eine Rolle.
Zusammenfassung und Fazit
Die Brennweite gehört zwar zu den wichtigsten Faktoren um eine "verwacklungssichere" Belichtungszeit zu ermitteln, aber der Faktor Mensch spielt eine ebenso große Rolle und ist leider unberechenbar und ändert sich ständig.
Hinzu kommt, daß die Wahrnehmung von Verwacklungen abhängig vom einzelnen Betrachter, dem Motiv, der Wiedergabeart, der genutzten Bildauflösung und dem Betrachtungsabstand ist, weil feine Details nur bei entsprechender Vergrößerung vom menschlichen Auge erfaßt werden können.
Die Formel "1/Brennweite" ist deshalb nur als Ausgangsbasis brauchbar, um die tatsächlichen persönlichen und praxisrelevanten Verwacklungsgrenzen, die sich unter verschiedenen Bedingungen erheblich unterscheiden können, im praktischen Einsatz zu ermitteln.
Anzumerken ist, daß die so ermittelten "sicheren" Belichtungszeiten nur für stillstehende Motive mit sich im gewählten Bildausschnitt nur langsam bewegenden Objekten uneingeschränkt sinnvoll nutzbar sind, weil sonst noch die Problematik der Bewegungsunschärfe hinzu kommt.