zuletzt aktualisiert am 28.07.2022.
Heutzutage haben sehr viele Menschen ein Smartphone und dadurch jederzeit die Möglichkeit, Fotos anzufertigen, weil in jedem Smartphone eine winzige Kamera eingebaut ist. Die Bildqualität der so erzeugten Fotos war anfänglich bescheiden und ist es bei genauer Betrachtung auch heute noch. Beim Thema Bildgestaltung, Haptik und der sonstigen Geräte-Ergonomie sieht es sogar richtig finster aus.
Was also bringt inzwischen so viele Menschen dazu, Kompaktkameras links liegen zu lassen und statt dessen das Smartphone zu nutzen?
1. Smartphone-Verbreitung
Es dauerte eine Weile, bis Smartphones die Mehrheit der einfachen Mobilfunktelefone ersetzten. 2007 brachte Apple das erste iPhone heraus. Das erste Smartphone mit Android kam erst 2009 auf den Markt. Entsprechend nutzten 2009 nur gut 6 Millionen Deutsche ein Smartphone. Das Wachstum in den nachfolgenden Jahren bis heute ist relativ gleichmäßig und beträgt 2020 geschätzte 60,7 Millionen. Also besitzen in etwa 3 von 4 Deutschen ein Smartphone. Zudem wurde der wesentliche Vorteil: über den hochauflösenden Bildschirm das Internet direkt nutzen zu können, anfänglich noch nicht so häufig genutzt, weil das Verbindungstempo ins Internet langsam war, die Datentarife teuer und die Netzabdeckung noch deutlich schlechter als heutzutage.
2. ausreichende Bildqualität bei niedrigem Anspruch
Anfänglich wurden trotz der vorhandenen Smartphones vielfach weiter Kompaktkameras genutzt. Im Laufe der Zeit glich sich die Bildqualität von Smartphones und preiswerten Kompaktkameras aber an, so dass die Unterschiede teilweise verschwanden und teilweise nur noch hochwertige Kompaktkameras mit großen Bildsensoren eine deutlich bessere Bildqualität liefern. Entsprechend wurde für viele Schnappschußfotografen früher oder später die Grenze des Erträglichen erreicht.
3. soziale Medien
Das Bedürfnis, das eben Fotografierte sofort mit Onlinekontakten via WhatsApp, und noch mehr Menschen via Facebook etc. zu teilen.
4. Verwendung der Fotos
Wurden Fotos früher vorwiegend erstellt, um davon Papierabzüge in den Größen 9x13 cm bis 13x18 cm anzufertigen, landen Smartphone-Aufnahmen zumeist im Internet und zumindest prozentual gesehen, viel seltener auf Papier. Auch weil heute viel mehr fotografiert wird. Dementsprechend sank auch der Auflösungsbedarf, denn für ein Bild im Internet reicht oft ein halbes Megapixel Bildauflösung, wogegen für einen guten Papierabzug mit 13x18 cm, ca. 3 Megapixel benötigt werden. Weil Smartphone-Aufnahmen oft nur auf den eher kleinen Smartphonebildschirmen betrachtet werden, sind Mängel bei der Bildqualität deutlich weniger auffällig.
Grenzen und Probleme der Smartphone-Fotografie
1. Technische Bildqualität
Die Bildqualität ist zwar über die Jahre besser geworden, wie auch bei Kameras mit größeren Sensoren, aber die Verbesserungen entsprechen nicht ganz dem dem, was die Datenblätter suggerieren. Lag die Auflösung der Bildsensoren Ende 2011 bei den teuren Smartphones bei etwa 5-8 MP, sind es heute beim teuersten iPhone 12 MP und bei Android-Smartphones teils über 100 MP. Weil die Bildsensoren aber bis auf wenige Ausnahmen winzig klein sind, produzieren sie dabei mit steigender Auflösung, vor allem zusätzliches nutzloses Bildrauschen. Die reale Detailauflösung verbessert sich dabei kaum. Und so sind die Fotos zumeist selbst dann noch unscharf, wenn sie vorher auf 10 MP verkleinert wurden. Entstehen die Fotos bei schlechten Lichtverhältnissen, ist die schlechte Bildqualität selbst bei Papierabzügen mit 10x15 cm erkennbar.
Gründe für Punkt 1
Wie hoch die erzielbare Detailauflösung ist, hängt neben der Qualität der optischen Linsen, wesentlich davon ab, wie viel Licht der Bildsensor insgesamt einfängt. Je mehr Licht er einfängt, desto präziser sind die Messwerte der Millionen von Sensordioden auf dem Bildsensor, die anschließend in farbige Pixel umgerechnet werden.
Die Sensortechnik ist zwar schon sehr lange gut genug, um sehr gute Ergebnisse bei großen Bildsensoren zu erzielen, hat aber weiterhin massive Probleme bei Bildsensoren, die deutlich kleiner sind als bei Systemkameras. Die Bildsensoren der Smartphones sind, bis auf ganz wenige sehr kostspielige Ausnahmen, die schon nahe ans 1 Zoll-Format heran kommen, bestenfalls etwa 1/6 so groß wie ein APS-C-Sensor. Meist sogar nur 1/10 so groß oder noch kleiner. Die Qualität der Daten, die, die winzigen Sensoren liefern ist entsprechend niedrig, so dass sie effektiv viel weniger Detailauflösung liefern, als die technischen Daten suggerieren, weil sie zu einem erheblichem Anteil aus Bildrauschen bestehen, das keine verwertbaren Bildinformationen enthält.
2. Keine Bildgestaltung mit der Blende
Freistellung ist in der Fotografie mit Systemkameras ein viel genutztes Mittel zur Bildgestaltung, weil es den Fotografen ermöglicht, das Hauptmotiv durch die Freistellung von Vorder- und Hintergrund zu trennen. Das bedeutet, dass, das Hauptmotiv scharf abgebildet wird und Bildteile vor und hinter dem Motiv mit zunehmender Entfernung von der Schärfeebene in Unschärfe verschwimmen. Diese Möglichkeit fehlt Smartphones technisch bedingt größtenteils. Bei Fotografien aus Smartphones ist aufgrund der kleinen Sensoren regelmäßig (fast) alles im Bild gleichmäßig scharf abgebildet.
Um dieses hardwareseitig nur schwer lösbare Problem zu umgehen, setzen die Smartphonehersteller zunehmend auf die "computational-photography". Das bedeutet, dass mit Hilfe von pseudo-intelligenter Software mittels Pseudo-KI und vor allem Motiverkennung versucht wird, das Hauptmotiv im Bild zu erkennen und die andere Bildbereiche mit Unschärfe zu überlagern. Die Ergebnisse sind jedoch bislang (2019) selbst bei den besten und teuersten Smartphones jämmerlich schlecht. Die Motiverkennung ist fehlerhaft, die Freistellung sehr ungenau und statt Unschärfeverläufen wird einfach alles gleichmäßig weichgematscht, anstatt natürliche Unschärfeverläufe zu simulieren. Obendrein verschwinden auch schon Mal Bildteile selbst vom Hauptmotiv.
Wenn Videos gedreht werden, ist eine Unschärfesimulation nicht möglich. Das dürfte sowohl an den Datenmengen als auch an der beschränkten Rechenleistung von Smartphones liegen. Obendrein würde die Simulation bei Videos vermutlich noch auffälliger als künstlich generiert und damit fehlerhaft auffallen.
Ein ernsthaft erfolgversprechender Weg, wäre die Nutzung der Lichtfeldkamera-Technik, die jedoch trotz intensiver Bemühungen noch weitestgehend in den Kinderschuhen steckt. Es gab bisher nur ein kommerzielles Produkt, das wieder vom Markt genommen wurde. Nachteilig war bei diesem Produkt die geringe Bildauflösung.
Erläuterung zum technischen Ansatz der "computational-photography":
Das Problem der EBB-Software (EBB = Elektronische Bildbearbeitung) besteht darin, dass sie für eine anständige Unschärfesimulation wissen muss, wie tief im Raum sich jedes noch so kleine Teilstück jedes Motivdetails befindet, also entsprechend jeder der Millionen von Bildpunkten eines Fotos. Zwar versucht die EBB-Software mancher Kameras mit verschiedenen Methoden die dafür notwendigen Tiefenkarten zu erstellen, aber weil die Datengrundlage für diese Tiefenkarten völlig unzureichend ist, helfen die Tiefenkarten der Software nicht nennenswert auf die Sprünge, weil noch so raffinierte Algorithmen hilflos sind, wenn die benötigten präzisen Informationen fehlen, die zur Berechnung benötigt werden.
Wie präzise die Tiefenkarten sind und wo ihre Schwächen liegen, hängt auch von der verwendeten Methode ab:
Triangulation mit Stereoaufnahmen (Nutzung von zwei oder mehr Kameras gleichzeitig):
Sie kann bei erkannten größeren Objekten im Bild helfen, die nicht all zu weit von der Kamera entfernt sind. Dafür braucht es aber immer Referenzflächen im Bild. Sind keine im Foto zu finden, kommt man damit nicht weit. Schwierig wird es auch, wenn die Objekte weit, aber nicht zu weit im Hintergrund sind und womöglich da auch noch gestaffelt sind oder sich ungünstige Muster im Bild befinden.
Den Idealfall stellen in Standardsituationen vermutlich zwei identische Sensoren mit identischen Brennweiten dar und das möglichst weit von einander entfernt, damit es auch mit Objekten in größerer Entfernung noch einigermaßen funktioniert. Bei unterschiedlichen Brennweiten fehlen die Daten in den sich nicht überlagernden Bildteilen.Daten des Dualpixel-Autofokus (bei Verwendung von nur einer Kamera)
Dem eventuelle Vorteil der vergleichsweise großen, wenn auch insgesamt niedrigen Menge an einzelnen Messpunkten steht die mäßige Genauigkeit gegenüber, weil der Versatz zwischen den Messwerten gering ist. Also ungünstig bei weiter entfernten Objekten.Projektion eines Infrarotpunktmusters:
Wird beispielsweise von Apple für die Gesichtserkennung verwendet. Abseits des Nahbereichs dürfte es zumeist nutzlos sein.Es ist zwar vorstellbar, dass die Ergebnisse mit der Zeit ein wenig besser werden, aber ausreichend hohe Genauigkeit und Fehlerfreiheit wird auf absehbare Zeit voraussichtlich nicht erreichbar sein. Zumal es auch optische Effekte bei hoch-offenen Aufnahmen gibt, die sich nicht errechnen lassen.
Weil die so erzeugten Tiefenkarten nicht viel taugen, bleibt den Smartphoneherstellern nichts weiter übrig, als überwiegend auf Motiv- und Konturenerkennung zu setzen. Also vor allem Pseudo-KI. Weil das so erfolgversprechend ist, wie wenn ein Blinder einem anderen Blinden versucht Farben zu erklären, sind Pseudo-Bokeh-Fotos dermaßen fehlerhaft, dass sie zumeist leicht als solche zu erkennen sind.
3. Brennweitenbeschränkung
Im Gegensatz zu Systemkameras stehen den Smartphonenutzern bislang meist nur eine oder mehrere Festbrennweiten zur Verfügung. Zoomobjektive gibt es nur bei wenigen sehr teuren Modellen, wobei deren Bildqualität zumeist mieserabel ist, weil sie hinter kleineren Sensoren stecken und natürlich lichtschwächer sind. Eine sehr ungünstige Kombination und auch die Optiken selbst, lassen offenbar keine hohe Auflösung zu, wenn man sich die Bilder in Testberichten ansieht. Da hilft auch ein Leica- oder Zeiss-Branding nicht weiter. Die extremen SWW-Brennweiten fehlen häufig und auch weitestgehend der Telebereich. Selbst eine Normalbrennweite um die 50 mm ist nur selten zu finden. So ist der Smartphonenutzer für gewöhnlich auf wenige Festbrennweiten im Weitwinkelbereich beschränkt. Weiter entfernte Motive detailreich abzubilden ist deshalb kaum möglich.
4. Beschränkungen bei Makrofotografie
Aufgrund der kurzen Brennweiten bei Smartphones, muss die Kamera extrem nah ans Motiv gehalten werden. Dadurch wird die Fluchtdistanz von Insekten deutlich unterschritten. Außerdem führt die deutlich geringere Motivdistanz zu ungünstigen Perspektiven.
6. Dynamikumfang
Der Dynamikumfang hängt, abgesehen von der Sensorgeneration, wesentlich von der Sensorgröße ab. Deshalb leiden Smartphone-Aufnahmen besonders an geringen Dynamikumfängen. Das macht sich in erster Linie bei kontraststarken Motiven bemerkbar, wie Landschaftsaufnahmen bei strahlendem Sonnenschein und Nachtaufnahmen.
Beispiele mit leicht gerundeten Werten zur leichteren Vergleichbarkeit. (basierend auf Daten von: photonstophotos.net)
(Wertangaben entsprechen der Anzahl an Blendenstufen) | ISO 50 | ISO 100 | ISO 400 | ISO 800 |
---|---|---|---|---|
Nikon D800 (Kleinbild) | 11,5 | 11,5 | 9,75 | 8,75 |
Nikon D7200 (APS-C) | 11 | 9 | 8 | |
Sony DSC-RX100M5 (Kompakt - 1 Zoll) | 9 | 7,5 | 6,75 | |
Google Pixel 3 XL (2018/19) | 7,5 | 6,75 | 5 | 4 |
Apple iPhone XS Max (2018/19) | 7 | 6,5 | 5,5 | |
Apple iPhone 7 (2016/2017) | 6,25 | 5,5 | 4,75 |
Die Smartphonehersteller behelfen sich zu Lösung des Problems damit, dass sie die Option anbieten, dass mehrere, unterschiedlich belichtete Aufnahmen erstellt und diese miteinander verrechnet werden, um den dargestellten Dynamikumfang im Bild zu vergrößern. Das funktioniert zwar einigermaßen, hat aber auch systembedingt Nachteile, weil Bewegungen der Kamera (verwackeln) und Bewegungen im Motiv (Bewegungsunschärfe) die Auflösung beeinträchtigen und Geistern in den Fotos führen. Es ist daher ratsam, diese Funktion vorwiegend dann zu nutzen, wenn das Smartphone irgendwo fixiert wird und Motive abgelichtet werden, bei denen sich besonders die Hauptmotive am besten garnichts bewegt.
5. Available Light und Nachtaufnahmen
Mit wenig Licht kommen die winzigen Bildsensoren der Smartphones zumeist nicht klar. Während bei Tageslichtaufnahmen bereits häufig Details in aquarelligen Flächen verschwimmen, haben Nachtaufnahmen überwiegend vollständigen Aquarell-Charakter. Wo der Sensor tagsüber bei idealen Bedingungen bestenfalls 6 MP echter Details fabriziert, kommt er Nachts regelmäßig nur auf vielleicht 1 MP. Aber selbst das nur unter Zuhilfenahme von viel Bildbearbeitung, indem beispielsweise 10 Aufnahmen hintereinander erfolgen und diese anschließend miteinander verrechnet werden.
6. Blitzlichtaufnahmen
Es gibt viele Situationen, in denen die Lichtmenge oder die Lichtverteilung ungünstig ist, wie beispielsweise Aufnahmen bei starkem Gegenlicht im Freien oder in nur mäßig erhellten geschlossenen Räumen am Abend. Smartphonenutzer können dann nur auf den winzigen, schwachen, nahe am Objektiv sitzenden unbeweglichen Blitz zurückgreifen. Die Folge sind totgeblitzte Aufnahmen mit unschönen Kontrasten, bei der das Hauptmotiv oft überstrahlt wird, während der Hintergrund absäuft. Dazu kommt das Licht unschön frontal und führt zu unschöner harter Schattenbildung. So kennt man das zumeist auch von den meisten Aufnahmen aus Kompaktkameras.
Systemkameranutzer setzen dagegen einfach einen externen TTL-Blitz auf, blitzen indirekt über Decken und Wände, nutzen dabei etwas höhere ISO-Werte um viel Umgebungslicht und damit die Lichtstimmung im Raum mit einzufangen und erzielen Aufnahmen, denen der Blitzeinsatz teilweise nicht einmal anzusehen ist. Hinzu kommen die stark erweiterten Möglichkeiten mit Blitzanlagen.
7. Sucher
Smartphonenutzer haben keinen Sucher zur Verfügung. Entsprechend schwierig kann sich die Bildgestaltung erweisen, wenn durch die Sonne im Rücken so manches Detail auf dem Bildschirm nicht erkennbar ist. Besonders bei kontrastreichen Motiven mit dunklen Bildanteilen. Ein Problem, das aber auch einige preiswerte DSLM-Kameras haben. Hinzu kommt die geringe Livebild-Qualität bei Nachtaufnahmen. Ein optischer Sucher ist in solchen Situationen häufig im Vorteil.
8. Katastrophale Haptik und Ergonomie
Systemkameras sind durch ihre äußere Form gut an unsere Hände angepasst, lassen sich dank Belederung gut und sicher greifen und verfügen über viele haptische Bedienelemente, von denen sich die Wichtigsten zumeist blind bedienen lassen.
Smartphones dagegen sind sehr dünn und besitzen meist sehr glatte Oberflächen. Dementsprechend leicht rutschen sie aus der Hand, vor allem wenn keine zusätzlichen Hüllen verwendet werden. Das geringe Gewicht ist oft ein Nachteil, weil die deutlich höhere bewegungsdämpfende Masse der Systemkameras fehlt. An haptischen Bedienelementen steht bestenfalls der zum Auslöseknopf umfunktionierte Ein/Aus-Knopf des Smartphones zur Verfügung. Sämtliche Einstellungen müssen durch die umständliche und damit zeitraubende Fummelei auf der Bildschirmoberfläche vorgenommen werden. Obwohl das Smartphone so viel kleiner und leichter ist, ist die einhändige Bedienung bei einer Systemkamera oft einfacher und sicherer zu bewerkstelligen. Lediglich bei Selfies sind Smartphones im Vorteil.
Was ist mit Smartphones machbar?
In etwa genauso viel wie mit Kompaktkameras, wobei es ein paar Unterschiede gibt. Die Smartphone-Fotografie hat überwiegend mit den gleichen Einschränkungen gegenüber der Fotografie mit Systemkameras zu kämpfen, die auch für (preiswerte) Kompaktkameras gelten. Die Grenzen wurden lediglich hier und da etwas verschoben, indem wesentlich mehr Bildbearbeitung vorab in den Smartphones erfolgt, wie beispielsweise die Verrechnung von Mehrfachaufnahmen, um technische Beschränkungen so gut es geht zu umgehen, die Kameras mit größeren Sensoren nicht haben. Je höher der Anteil der "computational-photography" bei der geräteinternen Bearbeitung der Fotos ist, desto weiter entfernen sich diese Aufnahmen aber auch von der Abbildung der Realität. Im Bereich des Journalismus wird die Verwendbarkeit von Smartphonebildern deshalb zunehmend kritisch hinterfragt werden müssen. Kompaktkameras erschließen durch die Verwendung von guten Zoomobjektiven und teils auch deutlich größeren Bildsensoren, einen breiteren Motivbereich und bieten dadurch teilweise erweiterte Bildgestaltungsmöglichkeiten bereits vor dem Druck auf den Auslöser.
Smartphones oder Kompaktkamera?
Vorteile der Smartphones:
Vorteile der Kompaktkameras:
Die Zukunftsaussichten - mehr seitwärts als vorwärts
Vorab etwas Realsatire
In einem Fotografie-Internetforum sind mir kürzlich ein paar fanatische Smartphonefotografen über den Weg gelaufen, die der Meinung sind, dass mittels "computational-photography" spätestens in 5 Jahren die Grenzen der Physik umgangen werden und Smartphones dann querbeet Systemkameras in annähernd allen Belangen ersetzen können. Und größtenteils wäre das auch heute schon der Fall.
Diese unglaublich naive Technikgläubigkeit, gepaart mit einem zwangsläufig niedrigen Anspruch an die erzielbare Bildqualität und den nutzbaren Umfang der Bildgestaltungsmöglichkeiten, konnte selbst mit Logik und Argumenten nicht erfolgreich begegnet werden. Die Merkwürdigkeit Einzelner ging sogar so weit, dass natürliche Unschärfeverläufe als unerwünscht betrachtet, und die fehlerhaften und zumeist völlig realitätsfernen Ergebnisse der Bokeh-Simulationen ein Fortschritt in der Fotografie darstellen.
Eine eigenartige Spezies, die sich selbst Fotografen nennt, denen aber der Realitätsgehalt der Fotografien nichts mehr wert zu sein scheint und für die, die Fotoverwendung abseits des Smartphonebildschirms, nur ein Relikt der Vergangenheit darstellt.
Bildsensoren
Derzeit sind keine bedeutsamen Fortschritte absehbar. Es gibt nicht einmal Patentanmeldungen oder auch nur Gerüchte zu Weiterentwicklungen die in einigen Jahren praxisreif sein könnten. Der technische Fortschritt ist ins Stocken geraten, weil die Grenzen der Physik mit den bislang verwendeten Materialien, Verfahren und der zugrunde liegenden Technik weitgehend ausgereizt sind. Alternativen? Bislang Fehlanzeige. Deshalb ist auch von weitere Strukturverkleinerungen im Bereich der Signalverarbeitung nichts zu erwarten. Zumal die BSI-Technik inzwischen sogar beim Mittelformat angekommen ist. Die Fortschritte waren aber auch früher schon überschaubar. In den letzten 6 Jahren hat sich im Systemkamerabereich fast garnichts mehr getan. Die Smartphonekameras konnten nur deshalb in den letzten Jahren zulegen, weil die Bildsensoren teils größer wurden und inzwischen mittels interner vollautomatischer Bildbearbeitung alles aus den Fotos rausgeholt wird, was die Bildsensoren an Informationen liefern. Entsprechend geringer fällt das Potenzial, der nachträglichen eigenhändigen Bildoptimierung bei solchen Smartphone-Aufnahmen aus.
Software, KI, Cloud und noch etwas Satire
Auf weitere Verbesserungen seitens der Software und KI zu setzen ist realitätsverweigendes Wunschdenken. Software ist stets nur so gut, wie die Daten, die von ihr verarbeitet werden und das sind die Informationen, die, die Bildsensoren liefern. Das Thema KI wird in diesem Zusammenhang überschätzt. Zwar auch grundsätzlich, aber das ist ein anderes Thema.
Überspitzt dargestellt, erwarten die größten Optimisten unter den technikgläubigsten Smartphonefotografiefans, etwa folgende Entwicklung dank "computational-photography":
Phase 1: Die Physik beugt sich der allmächtigen KI. Allen voran die Signaltheorie, die bislang verhindert, dass nicht erfasste oder verlorene Informationen nachträglich erfunden werden können. Infolge dessen werden Normal- und Telebrennweiten überflüssig.
Phase 2: Realitätsoptimierung
Schritt 1: Objekterkennung mittels KI
Schritt 2: Ersatz des realen Objektes durch ein in der Cloud gespeichertes Referenzobjekt, bei Portraits Anwendung von Gesichtserkennungsprogrammen -> Abruf des aktuellsten, erkennungsdienstlich oder bei Facebook verfügbaren Fotos, Altersabgleich -> mittels KI, die Alterung zwischen den Aufnahmezeitpunkten simulieren -> Ersetzen des realen unscharfen Portraits durch das berechnete "scharfe" Abbild .
Schritt 3: Umgebungsoptimierung: Weißer und grauer Himmel wird durch Zugriff auf die Cloud bspw. durch einen blauen Referenzhimmel aus dem bayerischen Voralpenland ersetzt, vertrockneter Rasen wird durch Referenz-Rasenflächen aus den englischen Grafschaften Berkshire und Kent ersetzt, und Personen, die kürzlich von der Freundeliste auf Facebook entfernt worden sind, werden ebenso aus dem Foto entfernt oder durch einen der anderen Freunde ersetzt.
Schritt 4: Vorerst nur für Gold-Abonnenten des Pro-Version der KI-Bildbearbeitungssoftware: Komplette Verlegung der Aufnahmen an andere Standorte. Was beispielsweise eben noch ein Selfie an der Currywurstbude in Bielefeld war, wird zu einem Selfie an einer Strandbar in der Karibik inkl. passender Kleidung, sonnengebräunter Haut und Sonnenbrille.Phase 3: "Fotos" werden von intelligenten Computerprogrammen erzeugt. Fotografieren ist dadurch überwiegend überflüssig geworden. Die Fotografie dient nur noch als Datenquelle für die Bilderdatenbanken in den Clouds mit deren Hilfe die simulierten Fotos erzeugt werden.
Ergonomie der Smartphones
Fortschritte sind wegen des Zielkonflikt beim Gehäusedesign nicht zu erwarten. Smartphones werden kaum dicker werden, obwohl für echte Fortschritte bei der Bildqualität kein Weg an wesentlich größeren Sensoren und entsprechend größeren Objektiven vorbeiführt, durch die, die Smartphones sehr deutlich in der Tiefe zulegen müssten.
Da hilft auch der Lösungsansatz nur begrenzt weiter, die Objektive quer zum Bildsensor zu verbauen. Huawei hat das beim P30 Pro erstmals umgesetzt. Dort wurde eine 125mm Festbrennweite verbaut. Das Beispiel zeigt allerdings deutlich, wie sehr das in einem fragwürdigen Kompromiß endet, bezüglich der erzielbaren Bildqualität und damit dem Nutzen. Die Lichtstärke und Auflösung lassen sehr zu wünschen übrig und die Verwacklungswahrscheinlichkeit ist sehr hoch, weil der verbaute Bildstabilisator zumeist überfordert ist. Wahrscheinlich entschied man sich aufgrund der bescheidenen optischen Leistungen dafür, nur einen 8 MP-Sensor dahinter zu setzen. Aber selbst diese Auflösung wird nicht bedient. Dabei kommen hier immerhin Linsen von Leica zum Einsatz. Nun kann man sich leicht ausrechnen, wieviel stärker das Ergebnis leiden würde, würde ein Zoomobjektiv verbaut werden, denn das wäre noch lichtschwächer und die Abbildungsleistung nochmals geringer.
Fazit zur absehbaren Zukunft der Smartphone-Fotografie
Vorerst wird sich nicht viel tun, es bleibt wie es ist. Allenfalls wird die Anzahl der verbauten Kameras weiter zunehmen. Die Marketingabteilungen der Smartphonehersteller werden weiterhin mit Halbwahrheiten, Irreführungen und leeren Versprechen auf Kundenfang gehen. So werden manche Modelle mit Bokeh-Simulationen beworben, indem sie dazu als Illustration, Fotografien aus DSLR/M-Kameras verwenden um den unzutreffenden Anschein zu erwecken, dass qualitativ vergleichbare Ergebnisse nun auch mit ihren Smartphones möglich wären. Vor allem in Bezug auf die Freistellung. Oder der aktuelle Fall bei Sony, wo in der Beschreibung ihres sündhaft teuren Top-Modells hervorgehoben wird, daß ein Bildsensor mit der Größe von 1,0 Zoll verbaut wird. An keiner Stelle wird dabei darauf hingewiesen, nicht einmal in den Fußnoten, daß nur dessen zentraler Bereich genutzt wird, weil die verbaute kleine Optik den großen Sensor nicht vollständig ausleuchten kann. Und so hat die Kamera dann auch keine 20 MP mehr, die der Sensor sonst liefert, sondern nur noch 12 MP. Entsprechend klein ist die tatsächlich genutzte Sensorfläche.
Die Ergonomie der Smartphones bleibt miserabel und die Bildsensortechnik wird aller Voraussicht nicht nennenswert voran kommen. Das Wundermittel "computational-photography" scheitert weiterhin bereits im Ansatz an der unzureichenden Bildauflösung und am Fehlen einer ernsthaft als intelligent zu bezeichnenden KI. Das Brennweitenproblem im Makro- und Telebereich wird bestehen bleiben und Motivfreistellung können technisch bedingt nur simuliert werden und das weiterhin oft nur realitätsfern und im Detail überwiegend fehlerhaft und lausig, weil ohne anständige Verläufe.
Smartphone vs. Kompaktkamera
Preiswerte Kompaktkameras werden weitestgehend vom Markt verschwinden, da sie nur noch in zumeist als nebensächlich betrachteten Eigenschaft, Vorteile aufweisen, die, die Nachteile nicht aufwiegen können.
Kompaktkameras mit großen Bildsensoren bleiben den Smartphones in den weiter oben im Text aufgelisteten Eigenschaften überlegen und werden zumindest vorerst noch am Markt verbleiben. Die Anzhal der verfügbaren Modelle wird aber weiter abnehmen, die Modellzyklen länger dauern und Verbesserungen immer unbedeutender.
Smartphone vs. Systemkamera (DSLR/DSLM)
Das Smartphone ist für annähernd alle ambitionierten Systemkameranutzer, auch auf absehbare Zeit, keine Alternative. Selbst das Smartphone mit der aktuell besten Bildqualität, kann es nicht nicht einmal mit 15 Jahre alten DSLR-Einsteigermodellen aufnehmen.
Smartphones haben zwar bei der Bildqualität zugelegt, aber nur gemessen an ihrer Klasse, also auf sehr niedrigem Niveau. Bildqualitativ trennen beide Systeme weiterhin: Welten! Außer man hat eines der wenigen kostspieligen aktuellen Modelle, bei denen wenigstens eine der Weitwinkeloptiken über einem vergleichsweise großen Sensor platziert ist, der dann immerhin in etwa auf die halbe Größe des Nikon 1-Formats kommt, so daß tatsächlich halbwegs nutzbare Ergebnisse entstehen können. Aber eben auch nur mit dieser einen weitwinkligen Brennweite, die für die Mehrheit der meisten Motive eines Hobbyfotografen meist nicht ideal bzw. schlicht unpassend ist.
Dazu kommen die für die meisten System-Fotografen, inakzeptablen elementaren Einschränkungen der Smartphones bezüglich der Bildgestaltung und der sonstigen technisch bedingten Unzulänglichkeiten, die weiterhin bestehen bleiben werden.
Zwar sind die Absatzzahlen im Systemkamerabereich inzwischen rückläufig, aber die Verbreitung der Smartphones hat daran vermutlich keinen großen Anteil. Es liegt eher daran, daß der Gerätebestand längst einen hohen Grad erreicht hat, was daran liegt, dass Systemkameras, auch viele Jahre nach dem Kauf, weiterhin Ergebnisse ermöglichen, die sich kaum von denen aktueller Modelle unterscheiden lassen, weil es kaum noch Fortschritte bei der Bildqualität gibt.
Und so blieb den Systemkamera-Herstellern inzwischen nichts anderes übrig, als sich verstärkt um die Austattung zu kümmern um das (anspruchsvollere) Fotografieren zu erleichtern: flexiblere, größere, höher auflösende Bildschirme und Sucher, deutlich verbesserter Autofokus mit Motiverkennung und -verfolgung, Belichtunsgsmessung mit Motiverkennung und mehr. Dazu verbesserte und erweiterte Videofunktionen, und bald nur noch Kameramodelle mit elektronischen statt optischen Suchern. Und natürlich darf auch die drahtlose Anbindung ans Internet via Smartphone längst nicht mehr fehlen.